Die Gründung der AfD-Jugendorganisation "Generation Deutschland" in Thüringen ist weniger ein Neuanfang als eine strategische Fortsetzung. Unter neuem Namen, aber mit bekanntem Personal und vertrauter Ideologie, wird hier eine autoritäre Jugendstruktur institutionalisiert, geschützt durch das Parteienprivileg und begleitet von einer Sprache, die bewusst an historische Vorbilder anschließt. Es geht nicht um politische Bildung, sondern um Formung, Loyalität und die langfristige Reproduktion eines geschlossenen Weltbildes.

Neuer Name, alte Ordnung

Wie die Thüringer Allgemeine am 17.01.2026 berichtete, hat sich in Ilmenau mit der "Generation Deutschland" ein neuer Jugendverband der Thüringer AfD gegründet. Neu ist daran vor allem der Name. Inhaltlich handelt es sich um eine nahtlose Fortsetzung der aufgelösten "Jungen Alternative", mitsamt desselben Führungspersonals, derselben ideologischen Zielsetzungen und derselben Nähe zu einem offen völkischen Weltbild.

Bemerkenswert ist weniger die Gründung selbst als der institutionelle Rahmen, in den sie eingebettet wird. AfD Landeschef Björn Höcke kündigte an, den Jugendverband künftig enger an die Partei zu binden und ihn über eine parteieigene "Schule" systematisch zu fördern. Der Begriff ist harmlos gewählt, die Funktion ist es nicht. Es geht um frühe ideologische Formung, Kaderbildung und Loyalitätssicherung innerhalb einer geschlossenen politischen Welt.

Historisch drängt sich ein Vergleich auf, der unbequem ist, aber analytisch zwingend. Die angekündigte Parteischule erinnert weniger an politische Bildungsarbeit im demokratischen Sinn als an die Logik der NS Ordensburgen. Auch dort ging es nicht um offenen Diskurs, sondern um Erziehung zur Gesinnung, um Selektion, Disziplinierung und die Herausbildung einer politischen Elite, die sich als Träger einer höheren Mission verstand. Der Zweck war nicht Erkenntnis, sondern Formung.

Dass dieser Aufbau heute unter dem Schutz des Parteienprivilegs erfolgt, ist kein Zufall, sondern Strategie. Während die "Junge Alternative" als Verein leichter angreifbar war, wird die Nachfolgeorganisation nun bewusst in den Kern der Partei integriert. Radikalität wird nicht aufgegeben, sondern organisatorisch abgesichert. Was früher als extremistisches Umfeld ausgelagert war, wird nun Teil der offiziellen Struktur.

Der entscheidende Punkt ist daher nicht, ob hier einzelne Formulierungen zu hart sind oder einzelne Reden zu weit gehen. Entscheidend ist, dass eine Partei, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird, systematisch an der politischen Sozialisation einer eigenen Jugendelite arbeitet. Nicht beiläufig, nicht spontan, sondern geplant, betreut und ideologisch geschlossen.

Wer das für normale Parteiarbeit hält, verkennt den historischen Ernst solcher Strukturen. Es geht nicht um Jugendpolitik. Es geht um die bewusste Reproduktion eines autoritären Weltbildes über Generationen hinweg.

Kaderschmiede

Was hier sichtbar wird, ist kein Ausrutscher und kein jugendlicher Überschwang, sondern der gezielte Aufbau einer ideologischen Infrastruktur. Die AfD arbeitet nicht nur an Programmen oder Wahlkampagnen, sondern an der langfristigen Herstellung politischer Loyalität. Jugend wird nicht als Raum für Debatte verstanden, sondern als Rohmaterial für Formung. Wer früh lernt, die Welt in Freund und Feind, Reinheit und Bedrohung, Mission und Verrat zu teilen, braucht später keine Argumente mehr. Nur noch Disziplin. Genau darin liegt die eigentliche Gefahr dieser Strukturen. Sie zielen nicht auf Zustimmung, sondern auf Gefolgschaft. Und sie sind darauf angelegt, länger zu wirken als jede Legislaturperiode.

Lingua AfD: Die neue Sprache der alten Ordnung

Die historische Parallele zeigt sich besonders deutlich in der Sprache. Begriffe wie "Generation", "Rettung des Landes", "Mission" oder "Remigration" knüpfen unmittelbar an Muster an, die aus der nationalsozialistischen Sprachpolitik bekannt sind. Auch dort diente Sprache nicht der Beschreibung von Realität, sondern ihrer aktiven Formung. Wörter wurden zu Werkzeugen der Ideologisierung, Begriffe zu Trägern moralischer Aufladung. Politik erschien nicht als verhandelbarer Prozess, sondern als existenzieller Kampf um Sein oder Untergang.

Auffällig ist dabei die wiederkehrende Konstruktion einer homogenen Wir-Gruppe, die sich als historisch berufen versteht. Bedrohung wird nicht als konkretes Problem benannt, sondern als permanenter Zustand inszeniert. Politische Ziele erscheinen nicht als Optionen, sondern als Notwendigkeiten. Diese Rhetorik lässt keinen Raum für Ambivalenz oder Widerspruch. Sie erzeugt eine geschlossene Welt, in der Loyalität wichtiger ist als Argumente und Zugehörigkeit wichtiger als Einsicht. Jugend spielt darin eine zentrale Rolle, nicht als kritisches Subjekt, sondern als formbares Material, das frühzeitig auf Gefolgschaft, Disziplin und ideologische Geschlossenheit ausgerichtet wird.

Auch wenn Begriffe wie "Volksgemeinschaft" heute nicht mehr offen verwendet werden, reproduziert die Wortwahl der "Generation Deutschland" deren semantische Struktur. Homogenität statt Pluralität. Mission statt politischer Aushandlung. Bedrohung statt Konflikt. Ausschluss statt Differenz. Wer diese Sprache übernimmt, übernimmt zugleich die Denkform, die sie trägt. Das ist keine zufällige Rhetorik und kein bloßer Tabubruch, sondern eine bewusste Anknüpfung an autoritäre Traditionslinien, in denen Sprache zur Vorstufe von Handlung wird.

Besonders erhellend ist dieser Befund im Licht der Arbeiten des von mir sehr verehrten Victor Klemperer, dessen Analyse der Lingua Tertii Imperii bis heute als Maßstab zum Erkennen autoritärer Sprachmuster taugt. Klemperer zeigte, dass autoritäre Systeme nicht zuerst durch Gewalt wirken, sondern durch Gewöhnung. Durch das langsame Einsickern bestimmter Begriffe, Metaphern und Deutungsmuster in den Alltag. Sprache, so Klemperer, verändert nicht nur, was Menschen denken, sondern wie sie denken. Wer bestimmte Wörter ständig benutzt, übernimmt unmerklich die Welt, die in ihnen angelegt ist.

Dass diese Einsicht heute wieder relevant ist, macht die aktuelle Entwicklung so beunruhigend. Klemperers Warnung zielte nicht auf historische Exzesse, sondern auf sprachliche Mechanismen, die jederzeit reaktivierbar sind. Seine Texte sind keine rückwärtsgewandte Erinnerung, sondern eine Anleitung zum Erkennen autoritärer Dynamiken im Entstehen. Wer sie ernst nimmt, erkennt in der Rhetorik der "Generation Deutschland" nicht bloß Provokation, sondern ein bewusst eingesetztes Instrument politischer Formung. Sprache wird hier erneut zum Machtmittel. Und genau darin liegt ihre eigentliche Gefahr.


Thüringer Allgemeine: https://archive.ph/O7fC8