Jeden Sonntag dieselbe Empörung über eine fehlende Gratiszeitung, jeden Winter dieselbe Wut über nicht geräumte Gehwege. Die Anspruchsgesellschaft zeigt sich nicht in großen Debatten, sondern im Alltag. In Erwartungen ohne Eigenleistung, in Forderungen ohne Verantwortung.
Die Anspruchsgesellschaft
Jeden Sonntag lässt sich in lokalen Facebook-Gruppen das gleiche Ritual beobachten. Lautstark beschweren sich Menschen darüber, dass ihre kostenlose Sonntagszeitung nicht im Briefkasten lag. Hinweise, dass man die Zeitung problemlos digital auf der Webseite lesen kann, werden konsequent abgeschmettert. Man hat schließlich ein Recht auf diese Zeitung. Kostenlos, gedruckt, pünktlich. Und wenn sie nicht kommt, ist jemand schuld.
Ein paar Tage später, im Winter, dieselben Gruppen, dieselben Stimmen. Kaum fällt ein wenig Schnee, beginnt das nächste Empörungsritual. Warum wurde noch nicht geräumt? Warum ist der Gehweg glatt? Warum ist die Stadt so unfähig? Die Idee, selbst eine Schneeschaufel in die Hand zu nehmen, taucht dabei kaum auf. Verantwortung wird nicht übernommen, sondern delegiert. Am liebsten nach oben, möglichst anonym.
Diese Beispiele wirken banal. Genau das macht sie so aussagekräftig.
Denn hier zeigt sich eine Haltung, die längst weit über Sonntagszeitungen und Schneeräumung hinausgeht. Eine Haltung, in der Erwartungen selbstverständlich sind, eigener Einsatz jedoch optional. Willkommen in der Anspruchsgesellschaft.
Es vollzieht sich eine stille, aber tiefgreifende Verschiebung. Immer mehr Menschen definieren ihr Verhältnis zur Gesellschaft fast ausschließlich über Ansprüche, und immer weniger über Verantwortung. Alles scheint einklagbar geworden zu sein: Sicherheit, Komfort, Versorgung, Anerkennung. Was dabei zunehmend fehlt, ist die Frage nach dem eigenen Beitrag.
Die Anspruchsgesellschaft ist keine klar umrissene Gruppe, sondern eine Denkweise. Sie zeigt sich in Sätzen wie: „Der Staat muss“, „die Stadt ist zuständig“, „jemand sollte sich darum kümmern“. Probleme werden konsequent nach außen verlagert. Lösungen ebenso. Das eigene Handeln bleibt Nebensache, oft bis es gar nicht mehr vorkommt.
Problematisch ist dabei nicht, dass Menschen Erwartungen haben. Erwartungen sind legitim. Das Problem entsteht dort, wo Anspruch und Leistung voneinander entkoppelt werden. Wo Rechte als selbstverständlich gelten, Pflichten jedoch als Zumutung. Wo Solidarität nur noch in eine Richtung gedacht wird.
Im öffentlichen Diskurs begegnet uns dieses Muster ständig. Man fordert ein perfekt funktionierendes Gesundheitssystem, lehnt aber Pflegeeinrichtungen im eigenen Viertel ab. Man verlangt günstige und saubere Energie, bekämpft jedoch jede dafür notwendige Infrastruktur. Man ruft nach Expertise und misstraut gleichzeitig allen Experten. Man wünscht sich einen starken Staat, verweigert aber jede Form kollektiver Disziplin.
Die Anspruchsgesellschaft denkt in Serviceversprechen, nicht in Zusammenhängen. Der Staat wird zur Kundenhotline, die Gesellschaft zum Abo-Modell. Funktioniert etwas nicht, wird reklamiert. Man fordert Ausgleich, Entschädigung, Korrektur. Dass Mittragen, Mitwirken und Mitverantworten Teil desselben Systems sind, gerät aus dem Blick.
Besonders problematisch wird diese Haltung, wenn sie moralisch aufgeladen wird. Wer viel fordert und wenig beiträgt, stilisiert sich gerne zum Opfer. Wer Verantwortung einfordert, gilt schnell als unsensibel. Wer auf Grenzen hinweist, wird der Kälte oder Ausgrenzung bezichtigt.
Doch Gesellschaften funktionieren nicht durch Empörung. Sie funktionieren, weil Millionen Menschen täglich Dinge tun, die unspektakulär sind, kaum wahrgenommen werden, aber unverzichtbar. Sie arbeiten, pflegen, warten, organisieren, bauen. Und sie akzeptieren, dass nicht alles perfekt, sofort oder konfliktfrei lösbar ist.
Die Ironie dabei ist offensichtlich: Gerade die Anspruchsgesellschaft ist auf diese stille Mehrheit angewiesen. Auf Menschen, die nicht fordern, sondern tragen. Die nicht warten, bis „jemand etwas tut“, sondern selbst handeln. Die Verantwortung nicht delegieren, sondern übernehmen.
Vielleicht ist es an der Zeit, die Perspektive zu verschieben. Weg von der Frage „Worauf habe ich Anspruch?“ hin zu „Wozu trage ich bei?“. Weg von „Wer ist schuld?“ hin zu „Was ist meine Rolle?“.
Denn eine Gesellschaft, in der alle nur noch Ansprüche formulieren, aber niemand mehr Verantwortung übernimmt, zerbricht nicht an großen Konflikten. Sie erschöpft sich langsam. Durch Bequemlichkeit.