Soziale Netzwerke haben eine neue Art von Experten hervorgebracht. Menschen mit großer Reichweite, klaren Meinungen und absoluter Gewissheit, aber ohne Ausbildung, Methodik oder überprüfbares Wissen. Besonders sichtbar wird dieses Phänomen bei selbsternannten Wetterexperten, deren Datenbasis und Interpretation kaum über Bauchgefühl hinausgeht.

Experten ohne Expertise oder: Wenn Facebook-Wetter zur Ersatzreligion wird

Fangen wir harmlos an. Mit dem Wetter.

Kaum ein Thema eignet sich besser, um den Zustand der sogenannten Expertenkultur im Internet zu illustrieren als Facebook-Wetterseiten. Menschen mit tausenden Followern, dramatischen Karten, reißerischen Warnungen und täglichen Lageeinschätzungen, die klingen, als säßen sie im Lagezentrum eines nationalen Wetterdienstes.

Die Realität ist deutlich banaler.

Die technische Grundlage vieler dieser Seiten besteht aus billigen Wetterstationen von AliExpress, schlecht kalibriert, falsch montiert, oft im eigenen Garten zwischen Hauswand und Thujahecke platziert. Die Datenqualität ist entsprechend. Doch das wäre noch verzeihlich. Das eigentliche Problem beginnt danach.

Diese Rohdaten werden von Menschen ausgewertet, die weder meteorologische Ausbildung haben noch ein grundlegendes Verständnis von Statistik, Messfehlern oder regionaler Modellbildung. Korrelation wird mit Kausalität verwechselt. Einzelwerte werden als Trends verkauft. Lokale Messfehler gelten plötzlich als Beweis für großräumige Entwicklungen.

Und das alles mit einer Gewissheit, die jeden echten Meteorologen nervös machen würde.

Was auffällt, ist nicht nur die fachliche Inkompetenz, sondern die völlige Abwesenheit methodischer Demut. Keine Fehlerbalken. Keine Einordnung. Keine Hinweise auf Unsicherheiten. Stattdessen absolute Aussagen, dramatische Formulierungen und eine ständige Selbstinszenierung als Gegenpol zu den offiziellen Stellen.

Der staatliche Wetterdienst wird als ahnungslos dargestellt. Wissenschaftler als abgehoben. Modelle als manipuliert. Die eigene Messstation hingegen als letzte Bastion der Wahrheit.

Dass viele dieser selbsternannten Wetterexperten keinerlei fachliche Ausbildung haben, ist dabei kein Zufall. Fachwissen würde stören. Es würde zwingen, vorsichtiger zu formulieren. Es würde erklären, warum einzelne Messwerte nichts beweisen. Es würde die Illusion zerstören, mit einem Sensor und einer Facebookseite die Atmosphäre verstanden zu haben.

Stattdessen entsteht eine Parallelwelt. Eine Mischung aus Bauchgefühl, selektiver Wahrnehmung und algorithmischer Bestätigung. Wer das schreibt, was die eigene Community hören will, bekommt Applaus. Wer widerspricht, wird blockiert. Kritik gilt als Angriff. Korrektur als persönliche Beleidigung.

Besonders unerquicklich wird es dort, wo persönliche Biografien als Legitimation missbraucht werden. Langzeiterkrankungen, Lebensbrüche oder soziale Isolation werden zur moralischen Aufladung genutzt. Nicht als Erklärung, sondern als Schutzschild. Wer widerspricht, greift angeblich nicht die Aussage an, sondern die Person.

So wird aus fachlicher Kritik moralische Unzulässigkeit.

Das Ergebnis ist absurd und gefährlich zugleich. Menschen treffen Entscheidungen auf Basis fragwürdiger Daten. Extremwetter wird verharmlost oder hysterisch überzeichnet. Klimadiskussionen werden mit falschen Messreihen geführt. Und all das verbreitet sich schneller und weiter als jede nüchterne, saubere Analyse.

Das Muster endet nicht beim Wetter. Aber hier lässt es sich besonders gut beobachten, weil die Fehler so offensichtlich sind, wenn man weiß, wonach man schaut. Das Internet hat nicht plötzlich mehr Experten hervorgebracht. Es hat nur die Hürden dafür abgeschafft, sich so zu nennen. Und wenn Kompetenz keine Voraussetzung mehr ist, sondern ein Nebeneffekt von Reichweite, dann wird Wissen nicht mehr erarbeitet, sondern simuliert.

Das Wetter ist dabei nur der Anfang.