Kaum fällt Schnee, ist der Klimawandel wieder erledigt. Schneemänner schlagen Messreihen, kalte Finger widerlegen Physik, und jahrzehntelange Forschung verliert gegen ein Winterfoto.

Das Schlimmste an Schneewetter finde ich nicht die Kälte, nicht den Matsch, nicht einmal die halb geräumten Gehwege. Das Schlimmste sind die Posts.

Kaum liegen ein paar Zentimeter Schnee, füllt sich meine Timeline zuverlässig mit Fotos von Schneemännern, vereisten Autoscheiben und siegesgewissen Kommentaren der Sorte: „Welcher Klimawandel? Ich kann Schnee sehen.“ Oft garniert mit einem lachenden Emoji, als hätte man soeben ein Jahrhundert Klimaforschung mit einer gut gezielten Schneeballschlacht erledigt.

Die zugrunde liegende Logik ist angenehm überschaubar. Es ist kalt, also kann es keine globale Erwärmung geben. Schnee fällt, also ist alles in bester Ordnung. Dass Klima und Wetter zwei unterschiedliche Dinge sind, wird in diesem Moment großzügig ignoriert, gemeinsam mit Statistik, Physik und allem, was über den eigenen Gartenzaun hinausgeht.

Dabei ist der Unterschied eigentlich kein Geheimwissen. Wetter ist das, was wir heute erleben. Klima ist das Muster, das sich über Jahrzehnte und über den ganzen Planeten hinweg abzeichnet. Ein kalter Tag widerlegt den Klimawandel ungefähr so überzeugend, wie ein sonniger Apriltag beweist, dass der Sommer ab sofort garantiert ist.

Ironischerweise ist ausgerechnet kräftiger Schneefall in einem wärmeren Klima gut erklärbar. Warme Luft kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Wird es dann kalt genug, kommt diese Feuchtigkeit als Schnee herunter. Mehr Energie im System führt zu mehr Extremen, nicht zu einer höflichen Absage des Winters.

Aber das lässt sich natürlich schwer unter ein Facebook-Foto schreiben.

Was diese Posts so ermüdend macht, ist nicht nur die fachliche Unrichtigkeit. Es ist die Selbstsicherheit, mit der komplexe Zusammenhänge auf Bauchgefühl reduziert werden. Als wäre persönliche Wahrnehmung ein gleichwertiger Ersatz für Messreihen, Satellitendaten und jahrzehntelange Forschung.

Niemand bestreitet, dass es Winter gibt. Niemand behauptet, dass es nie wieder schneien wird. Der Klimawandel verspricht weder Palmen im Sauerland noch eine lebenslange Garantie für Grillwetter. Er verschiebt Mittelwerte, verstärkt Extreme und verändert Systeme langsam, aber messbar.

Dass man trotzdem jedes Jahr aufs Neue überrascht ist, wenn es im Januar kalt wird, hat fast schon etwas Rührendes.

Also ja, baut ruhig Schneemänner. Freut euch über knirschenden Schnee unter den Schuhen. Aber vielleicht hängt der Klimadiskurs nicht davon ab, ob man gerade Handschuhe braucht. Schneeflocken sind kein Gegenargument. Sie sind einfach nur Wetter.