Maduro wird aus Venezuela entführt, aus Washington kommen Drohungen gegen Kuba und Mexiko, und Grönland gerät unter wachsendem Druck der USA. Für Europa wirken diese Vorgänge oft fremd oder anachronistisch. Doch sie sind reale Machtdemonstrationen. Dieser Text zeigt, warum das Monroe-Denken nie verschwunden ist, wie es sich heute über digitale Abhängigkeiten fortsetzt und warum Europas strategische Naivität zunehmend zur Gefahr wird.
Europas strategische Naivität
Nicolas Maduro wird aus Venezuela entführt. Gleichzeitig werden aus Washington Drohungen gegenüber Kuba und Mexiko ausgesprochen. Grönlands aktuelle Lage ist geprägt von wachsenden Spannungen mit den USA unter Präsident Trump, der wiederholt offen eine Annexion der Insel fordert. Das sind keine Randnotizen und keine Einzelfälle. Es sind offene Machtdemonstrationen.
Für europäische Beobachter wirken diese Vorgänge oft befremdlich, fast anachronistisch. Man ordnet sie schnell als innenpolitische Rhetorik, als Wahlkampf oder als diplomatische Eskalation ein. Doch genau hier liegt das Problem. Europa betrachtet Machtpolitik häufig wie ein schlechtes Theaterstück, laut, grob, aber letztlich folgenlos. Dabei wird übersehen, dass diese Politik nicht für Europa inszeniert ist. Sie ist real.
Das amerikanische Militär ist weiterhin der größte Machtfaktor der westlichen Welt. Seine Präsenz ist global, seine Eingriffsmöglichkeiten real. Wer sich ihm offen widersetzt, riskiert nicht nur politische Spannungen, sondern konkrete Konsequenzen. Europa weiß das, verlässt sich aber darauf, selbst nicht Ziel dieser Logik zu werden. Das ist weniger Strategie als Hoffnung.
Gleichzeitig hat sich die Durchsetzung von Macht verändert. Militärische Stärke bleibt entscheidend, aber sie wird ergänzt durch digitale Abhängigkeiten. Zahlungsverkehr, Plattformen, Kommunikationssysteme und Finanzdienstleistungen sind zu Instrumenten politischer Einflussnahme geworden. Sie wirken leiser als Panzer, aber oft nachhaltiger. Wer diese Systeme kontrolliert, kontrolliert Handlungsspielräume, auch ohne einen einzigen Soldaten zu bewegen.
An diesem Punkt wird Europas strategische Naivität sichtbar. Man hat sich bewusst in digitale Abhängigkeiten begeben, aus Effizienzgründen, aus Bequemlichkeit, aus dem Glauben an eine regelbasierte Ordnung. Man hat Infrastruktur ausgelagert, Zahlungsströme zentralisiert, Plattformen fremden Rechtsräumen überlassen. In der Annahme, dass Recht stärker sei als Macht.
Es ist an der Zeit, die Monroe-Doktrin aus den Schubladen der Erinnerung herauszuholen.
Die Monroe-Doktrin stammt aus dem Jahr 1823. In Schulbüchern erscheint sie oft als defensive Maßnahme, als Warnung an europäische Mächte, sich aus der westlichen Hemisphäre herauszuhalten. Amerika für die Amerikaner. Ein Schutzversprechen, so die gängige Lesart. Doch schon damals war klar, dass dieses Versprechen zwei Seiten hatte. Wer andere fernhält, beansprucht selbst den Raum.
Von Beginn an war die Monroe-Doktrin kein Ausdruck von Multilateralismus, sondern von Einflusszonenpolitik. Sie definierte, wer wo nichts zu suchen hatte und implizit, wer dort das Sagen hatte. Diese Logik ist nie verschwunden. Sie wurde nur modernisiert. Heute wird Einfluss nicht mehr ausschließlich territorial durchgesetzt, sondern funktional. Nicht mehr Land wird kontrolliert, sondern Infrastruktur.
Europa hat diese Entwicklung lange falsch gelesen. Man hielt digitale Vernetzung für Neutralität. Man hielt wirtschaftliche Verflechtung für Sicherheit. Man hielt Abhängigkeit für Kooperation. Dabei ist Abhängigkeit immer auch Verwundbarkeit.
Die Sanktionen gegen Richterinnen und Richter internationaler Gerichte, die Blockade von Zahlungswegen, die digitale Isolation einzelner Personen zeigen, wie schnell diese Verwundbarkeit real wird. Und sie zeigen etwas Unangenehmes für Europa. Die regelbasierte Ordnung, auf die man sich so gern beruft, gilt nur so lange, wie sie nicht mit Machtinteressen kollidiert. Danach greifen andere Regeln.
Das Monroe-Denken ist nicht verschwunden. Es ist globalisiert worden. Und Europa steht diesem Denken weitgehend unvorbereitet gegenüber. Ohne eigene digitale Souveränität, ohne unabhängige Infrastrukturen, ohne strategische Redundanz.
Die eigentliche Gefahr liegt deshalb nicht in amerikanischer Machtpolitik. Großmächte handeln immer nach Interessen. Die Gefahr liegt in Europas fortgesetzter Annahme, davon dauerhaft ausgenommen zu sein. Wer glaubt, nur andere würden sanktioniert, isoliert oder abgeschaltet, hat den Kern digitaler Abhängigkeiten nicht verstanden.
Das Fazit ist unbequem, aber notwendig. Europa muss aufhören, Machtpolitik moralisch zu kommentieren, und beginnen, sie strukturell ernst zu nehmen. Wer digitale Abhängigkeiten akzeptiert, akzeptiert auch fremde Einflussnahme. Und wer Einflusszonen ignoriert, lebt in der Illusion, sie würden verschwinden.
Die Monroe-Doktrin ist nicht Geschichte. Es ist Gegenwart. Und Europa täte gut daran, endlich so zu handeln, als hätte es das verstanden.
Was Europa jetzt konkret tun müsste
Wenn Europa diese Entwicklung ernst nimmt, reichen Appelle und Bekenntnisse nicht mehr aus. Digitale Abhängigkeiten lassen sich nicht wegmoderieren. Sie müssen strukturell reduziert werden. Das erfordert Entscheidungen, nicht Absichtserklärungen.
- Erstens braucht Europa eigene, sanktionsresistente Zahlungsinfrastrukturen. Solange internationale Transaktionen über Systeme laufen, die faktisch unter US Jurisdiktion stehen, bleibt wirtschaftliche und politische Souveränität eine Illusion. Ein europäisches Zahlungssystem muss nicht besser sein als Visa oder Mastercard, es muss unabhängig sein.
- Zweitens muss Europa kritische digitale Dienste als strategische Infrastruktur behandeln, nicht als Marktprodukte. Cloud Dienste, Identitätsdienste, Kommunikationsplattformen und Datenhaltung gehören in denselben sicherheitspolitischen Rahmen wie Energieversorgung oder Verkehr. Wer diese Kontrolle auslagert, lagert politische Handlungsfähigkeit aus.
- Drittens braucht Europa rechtlich und technisch durchsetzbare Schutzmechanismen für internationale Institutionen, die auf europäischem Boden arbeiten. Wenn Richter internationaler Gerichte in Den Haag digital isoliert werden können, ohne dass Europa effektiv reagieren kann, ist das ein sicherheitspolitisches Versagen.
- Viertens muss Europa Redundanz aufbauen, auch wenn sie ineffizient erscheint. Effizienz ist kein strategischer Wert. Resilienz ist es. Mehrere Systeme, mehrere Anbieter, mehrere Rechtsräume sind keine Verschwendung, sondern Versicherung.
- Und schließlich muss Europa aufhören, Machtpolitik nur normativ zu bewerten. Werte ersetzen keine Infrastruktur. Recht ersetzt keine Kontrolle über Systeme. Wer Einflusszonen ignoriert, wird Teil der Einflusszone eines anderen.
Internationale Zusammenarbeit beginnt mit eigener Handlungsfähigkeit. Ohne sie bleibt Europa Zuschauer in einer Ordnung, die sich zwar regelbasiert nennt, aber längst anders funktioniert.
Monroe-Doktrin, Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Monroe-Doktrin