Der Markt gilt als Allheilmittel für alles, was nicht reibungslos funktioniert. Doch überall dort, wo Grundversorgung marktförmig organisiert wird, verschwindet zuerst die Verlässlichkeit. Bahn, Post, Gesundheit, Energie und digitale Netze folgen demselben Muster.

Vom Mythos der Effizienz

Es ist ein bekanntes Argument, fast schon ein politischer Reflex. Wenn etwas nicht gut funktioniert, soll der Markt es richten. Wettbewerb schafft Effizienz. Effizienz senkt Kosten. Niedrigere Kosten bedeuten bessere Versorgung. So lautet die Erzählung, und sie wird seit Jahrzehnten wiederholt. In Sonntagsreden, Reformpapieren und Talkshows.

Dieser Reflex entstand nicht zufällig. Er wurde politisch gewollt, gesetzlich verankert und über Jahre hinweg aktiv verteidigt. In Deutschland kam und kommt er besonders zuverlässig aus der liberalen und konservativen Ecke. Mal offen marktradikal, mal verkleidet als „Modernisierung“, „Entbürokratisierung“ oder „Entlastung des Staates“. Die Botschaft bleibt dieselbe: Der Staat soll sich zurückziehen, der Markt wird es besser machen.

„Effizienz“ spielt dabei eine zentrale Rolle. Das Wort wirkt objektiv, technisch, unangreifbar. Wer sich dagegenstellt, gilt schnell als irrational, rückwärtsgewandt oder wirtschaftsfern. Genau darin liegt seine politische Macht. Denn in der Infrastruktur bedeutet Effizienz selten bessere Versorgung. Sie bedeutet meist Kostensenkung im Normalbetrieb, Abbau von Reserven, Streichung von Redundanzen. Was effizient klingt, ist oft nichts anderes als systematisch organisierter Verzicht auf Sicherheit.

In der Realität zeigt sich deshalb immer wieder das Gegenteil der versprochenen Wirkung. In Großbritannien zerfällt der NHS unter Marktlogik und Outsourcing. In den USA sind großflächige Stromausfälle trotz privater Anbieter keine Ausnahme. In Frankreich und Großbritannien mussten privatisierte Wassernetze teuer rekommunalisiert werden, weil notwendige Investitionen ausblieben. Und überall zeigt sich dasselbe Muster: Wenn Infrastruktur wie ein Produkt behandelt wird, verschwindet zuerst ihre Verlässlichkeit.

Deutschland bildet dabei keine Ausnahme. Im Gegenteil. Kaum ein Land hat so konsequent versucht, öffentliche Grundversorgung marktförmig zu organisieren – Bahn, Post, Energie, Gesundheit, Digitalisierung – und ist gleichzeitig so erstaunt, wenn das Ergebnis instabil, teuer und unzuverlässig wird.

Der Grund dafür ist simpel. Infrastruktur ist kein Marktprodukt. Und „Effizienz“ ist in diesem Kontext oft nichts anderes als ein politisch geschönter Begriff für Abbau.

Infrastruktur ist kein Produkt

Der entscheidende Denkfehler beginnt dort, wo Infrastruktur mit Konsum verwechselt wird. Ein Produkt kann scheitern. Ein Anbieter kann vom Markt verschwinden. Das ist ärgerlich, aber verkraftbar. Infrastruktur hingegen muss funktionieren, auch dann, wenn sie sich nicht rechnet, wenn sie ausgelastet ist oder wenn etwas schiefgeht.

Straßen, Schienen, Stromnetze, Krankenhäuser, Post, Zeitungszustellung oder digitale Netze sind keine Angebote, die man einfach abwählt. Sie sind Voraussetzungen dafür, dass Gesellschaft überhaupt funktioniert. Genau deshalb brauchen sie etwas, das der Markt systematisch vermeidet: Redundanz, Überkapazität und langfristige Planung.

Der Markt optimiert auf gute Tage. Infrastruktur muss schlechte Tage überleben.

Die Bahn als Lehrstück

Kaum ein Beispiel zeigt das Scheitern der Marktlogik in der Infrastruktur so deutlich wie die Deutsche Bahn. Über Jahrzehnte hinweg wurde sie auf Effizienz getrimmt. Nebenstrecken wurden stillgelegt, Gleise zurückgebaut, Weichen entfernt. Wartung wurde verschoben, Personal abgebaut, Reserven gestrichen. Alles im Namen der Wirtschaftlichkeit, alles unter dem Mantra, man müsse ein „schlankes“ und „wettbewerbsfähiges“ Unternehmen schaffen.

Das Ergebnis ist ein System, das unter Idealbedingungen gerade noch funktioniert, aber bei der kleinsten Störung kollabiert. Ein defektes Stellwerk, ein umgestürzter Baum, ein verspäteter Anschluss, und ganze Regionen stehen still. Verspätungen pflanzen sich durch das Netz fort wie ein Dominoeffekt. Die Bahn ist nicht zu langsam. Sie ist zu knapp gebaut.

Effizienz bedeutete hier nicht bessere Leistung, sondern weniger Puffer. Weniger Redundanz. Weniger Spielraum. Ein Netz, das nur dann stabil ist, wenn nichts schiefgeht, ist kein robustes System, sondern ein fragiles. Genau das ist heute sichtbar. Was jahrelang eingespart wurde, fehlt nun an jeder Ecke. Und die Kosten sind keineswegs verschwunden. Sie tauchen nur anderswo wieder auf: in Verspätungen, in Ausfällen, in Frust, in Produktivitätsverlusten, in volkswirtschaftlichen Schäden in Milliardenhöhe.

Die Ironie dabei ist offensichtlich. Die Bahn wurde auf Rendite getrimmt, um Kosten zu senken, und produziert heute höhere Folgekosten als je zuvor. Nicht trotz, sondern wegen dieser Logik.

Andere Länder zeigen, dass es auch anders geht. Ein oft übersehenes Beispiel ist Belgien. Dort wurde die staatliche Kontrolle über die Eisenbahn nie vollständig aufgegeben. Der belgische Staat behielt über ein System von Aktien mit besonderen Stimmrechten die Kontrolle über die strategische Ausrichtung der NMBS. Private Investoren konnten sich zwar beteiligen, hatten aber keinen Zugriff auf die operative Steuerung. Infrastruktur, Fahrplanstabilität und langfristige Investitionen blieben staatliche Verantwortung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kaufte der Staat einen Großteil der ausgegebenen Aktien wieder zurück. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern aus pragmatischen. Man hatte erkannt, dass eine verlässliche Bahn kein Renditeobjekt ist, sondern ein öffentliches Rückgrat. Der Gewinn bestand nicht in Dividenden, sondern in Mobilität, Planbarkeit und gesellschaftlichem Nutzen.

Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der Technik, sondern im Ziel. Während die Deutsche Bahn über Jahre wie ein börsenreifes Unternehmen behandelt wurde, blieb die Bahn in Belgien Teil einer staatlichen Infrastrukturstrategie. Das bedeutete nicht Perfektion, aber es bedeutete Prioritäten. Verlässlichkeit vor Rendite. Redundanz vor maximaler Auslastung. Wartung vor kurzfristiger Kostensenkung.

Das deutsche Beispiel zeigt damit ein grundlegendes Missverständnis. Infrastruktur lässt sich nicht wie ein Unternehmen optimieren, ohne ihren Zweck zu beschädigen. Ein Eisenbahnnetz ist kein Produktionsprozess, den man bis auf die letzte Sekunde auslasten sollte. Es ist ein Versorgungssystem, das gerade dann funktionieren muss, wenn etwas schiefgeht.

Effizienz ohne Resilienz ist keine Stärke. Sie ist eine Einladung zum Systemversagen.

Und genau das erleben wir heute, nicht nur bei der Bahn, sondern überall dort, wo man Infrastruktur auf die Logik des Marktes reduziert hat.

Zeitungen und Postzustellung

Ähnlich verhält es sich mit der Zeitungszustellung und der Post. Auch hier wurde über Jahre hinweg das gleiche Argument bemüht: Der Markt könne es günstiger, flexibler und effizienter. Wettbewerb würde die Qualität steigern, Subunternehmer neue Lösungen bringen, variable Modelle starre Strukturen ersetzen. Auf dem Papier klang das modern. In der Praxis führte es zu einem schleichenden Zusammenbruch der Verlässlichkeit.

Was tatsächlich entstand, war eine Kette aus Sub, Subsub und Subsubsubunternehmern, die unter massivem Preisdruck arbeiten. Jeder Glied in dieser Kette verdient weniger als das vorherige, und am Ende bleibt kaum noch Spielraum für ordentliche Löhne, stabile Arbeitszeiten oder vernünftige Arbeitsbedingungen. Hohe Fluktuation ist die logische Folge. Wer heute zustellt, ist morgen weg. Erfahrung geht verloren, Routenkenntnis ebenso. Zustellung wird improvisiert, nicht organisiert.

Besonders drastisch zeigt sich das außerhalb der Ballungsräume. Dort, wo Entfernungen größer sind und Zustellrouten weniger dicht, kippt die Rechnung sofort. Zeitungen kommen zu spät oder gar nicht. Briefe verschwinden tagelang. Abonnements werden gekündigt, nicht weil Leserinnen und Leser keine Zeitung mehr wollen, sondern weil sie nicht mehr zuverlässig ankommt. Die Infrastruktur stirbt, und anschließend wird ihr Tod als Beweis dafür herangezogen, dass „die Nachfrage fehlt“.

Was dabei oft unsichtbar bleibt, sind die Bedingungen am unteren Ende der Kette. Es gibt dokumentierte Fälle, in denen Zustellerinnen und Zusteller in ihren Lieferfahrzeugen schlafen, weil sich lange Routen, frühe Startzeiten und niedrige Bezahlung anders nicht mehr vereinbaren lassen. Menschen, die eine öffentliche Grundversorgung aufrechterhalten sollen, arbeiten unter Bedingungen, die mit moderner Arbeitswelt nichts mehr zu tun haben. Das ist kein Betriebsunfall, sondern eine direkte Folge der Marktlogik.

Der Markt bedient, was sich rechnet. Ländliche Regionen werden dabei zwangsläufig zum Problemfall. Nicht aus Bosheit, sondern aus Kalkulation. Genau hier liegt der fundamentale Konflikt. Infrastruktur kennt keine Randlagen. Entweder sie funktioniert überall, oder sie verfehlt ihren Zweck. Eine Post, die nur in Städten zuverlässig ist, ist keine Post. Eine Zeitungszustellung, die auf dem Land versagt, ist keine funktionierende Presseverteilung.

Was als Effizienz verkauft wurde, ist in Wahrheit ein Abbau von Verantwortung. Kosten werden gesenkt, indem man sie nach unten weiterreicht, bis sie bei den Schwächsten landen. Die Rechnung geht kurzfristig auf, langfristig zerstört sie Vertrauen, Qualität und letztlich das System selbst. Eine unzuverlässige Zustellung ist nicht nur ein logistisches Problem, sondern auch ein demokratisches. Wer Information nicht zuverlässig verteilt, schwächt Öffentlichkeit.

Gesundheitswesen, Breitband, Energie

Das Muster wiederholt sich: Wer glaubt, das Problem beschränke sich auf Bahn, Post und Zeitungen, irrt. Das gleiche Muster zeigt sich überall dort, wo Grundversorgung marktförmig organisiert wurde.

Im Gesundheitswesen etwa. Krankenhäuser wurden in Deutschland systematisch auf Wirtschaftlichkeit getrimmt. Fallpauschalen, Kostendruck, Wettbewerb um lukrative Leistungen. Was gut abrechenbar ist, wächst. Was notwendig, aber nicht profitabel ist, verschwindet. Geburtsstationen schließen. Notaufnahmen sind überlastet. Pflegepersonal fehlt. Kliniken funktionieren wie Fabriken mit maximaler Auslastung und minimalem Puffer.

Das Ergebnis ist ein System, das im Normalbetrieb bereits überfordert ist und bei Krisen sofort kollabiert. Die Pandemie hat das sichtbar gemacht, aber sie war nicht die Ursache. Sie war nur der Belastungstest. Effizienz bedeutete hier: weniger Betten, weniger Personal, weniger Zeit pro Patient. Gesundheit wurde zur Kostenstelle, nicht zur öffentlichen Aufgabe.

Ähnlich im Breitbandausbau. Der Markt investiert dort, wo es sich rechnet. Städte werden versorgt, ländliche Räume bleiben zurück. Glasfaser endet an der Stadtgrenze. Funklöcher sind kein technisches Problem, sondern ein betriebswirtschaftliches Ergebnis. Wer keine Rendite verspricht, bekommt keine Infrastruktur. Die Folge ist eine digitale Spaltung, die politisch beklagt, aber systematisch produziert wird.

Auch die Energieversorgung folgt diesem Muster. Liberalisierung sollte Wettbewerb bringen, niedrigere Preise, höhere Effizienz. In der Praxis entstand ein hochoptimiertes System ohne Reserven. Netze wurden auf Kante genäht, Speicher vernachlässigt, Abhängigkeiten von internationalen Märkten bewusst in Kauf genommen. Die Energiekrise zeigte, wie schnell dieses System kippt, sobald äußere Schocks auftreten.

Wieder dasselbe Prinzip. Gewinne werden privatisiert. Risiken werden sozialisiert. Wenn es funktioniert, kassieren Unternehmen. Wenn es nicht funktioniert, springt der Staat ein. Nicht aus Großzügigkeit, sondern weil Infrastrukturversagen gesellschaftlich nicht tragbar ist.

Was all diese Beispiele verbindet, ist ein falsches Effizienzverständnis. Effizienz wird definiert als minimale Kosten im Normalbetrieb. Nicht als maximale Stabilität im Krisenfall. Nicht als langfristige Verlässlichkeit. Nicht als gesellschaftlicher Nutzen.

Infrastruktur braucht das, was der Markt systematisch meidet: Puffer, Redundanz, Überkapazität, Wartung, Planung über Jahrzehnte. Der Markt optimiert auf Quartale. Infrastruktur funktioniert in Generationen. Das ist kein neues Argument. Es ist alt. Sehr alt.

Marx, Engels und die Frage der Grundversorgung

Schon Marx und Engels beschrieben, dass der Kapitalismus hervorragend darin ist, Produktionsprozesse zu optimieren, aber strukturell ungeeignet, gesellschaftliche Grundbedürfnisse stabil zu sichern. Nicht aus moralischem Versagen, sondern aus Logik. Kapital folgt dem Profit. Nicht dem Bedarf.

Engels schrieb über Wohnungsnot nicht als Zufall, sondern als systemische Folge. Marx analysierte Infrastruktur nicht als neutrale Technik, sondern als Teil gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Wer die Produktionsmittel kontrolliert, kontrolliert auch die Bedingungen des Lebens.

Überträgt man das auf heute, wird es unangenehm klar. Wenn Bahn, Energie, Gesundheit, Kommunikation und Information der Marktlogik unterworfen werden, dann wird Versorgung zur Funktion von Zahlungsfähigkeit und Renditeerwartung. Nicht von Notwendigkeit. Der Markt löst keine Infrastrukturprobleme. Er verwaltet Knappheit.

Das bittere Fazit

Was hier seit Jahrzehnten als Reform, Modernisierung oder Effizienz verkauft wird, ist kein Missverständnis und kein unbeabsichtigter Kollateralschaden. Es ist das konsequente Ergebnis einer politischen Entscheidung. Infrastruktur wurde nicht aus Versehen geschwächt. Sie wurde bewusst der Marktlogik unterworfen, obwohl seit langem bekannt ist, dass diese Logik dafür ungeeignet ist.

Der Markt hat nicht „versagt“. Er hat exakt das getan, was man von ihm erwarten muss. Er hat Rendite optimiert, Risiken ausgelagert und Unrentables vernachlässigt. Dass dabei Verlässlichkeit, Resilienz und Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse verloren gehen, ist kein Betriebsunfall, sondern systemisch.

Das eigentliche Problem ist deshalb nicht Effizienz an sich, sondern wer definiert, was effizient ist. In der politischen Praxis bedeutet Effizienz fast immer minimale Kosten im Normalbetrieb. Nicht maximale Stabilität im Krisenfall. Nicht langfristige Tragfähigkeit. Nicht gesellschaftlicher Nutzen. Was sich nicht rechnet, wird gekürzt. Was keinen Gewinn verspricht, wird aufgeschoben. Was keinen Aktionär befriedigt, gilt als verzichtbar.

So entsteht eine Infrastruktur, die nur noch unter Idealbedingungen funktioniert. Eine Bahn, die keinen Sturm verträgt. Ein Gesundheitssystem ohne Reserve. Eine Energieversorgung ohne Puffer. Eine Post, die das Land aufgibt. Ein Breitbandausbau, der an Stadtgrenzen endet. Alles optimiert, nichts abgesichert.

Und wenn es dann knallt, springt der Staat ein. Mit Milliarden. Mit Notgesetzen. Mit Rettungspaketen. Nicht, weil man plötzlich ideologisch umdenkt, sondern weil Infrastrukturversagen gesellschaftlich nicht tragbar ist. Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert. Danach beginnt das Spiel von vorne.

Das ist kein Zufall. Das ist ein Zyklus.

Wer in dieser Lage weiter behauptet, der Markt müsse „nur richtig eingesetzt“ werden, betreibt keine Analyse, sondern Ideologie. Wer Effizienz beschwört, ohne über Resilienz zu sprechen, verschweigt den Preis. Und wer so tut, als sei das alles alternativlos, ignoriert bewusst, dass andere Länder und andere Modelle seit Jahrzehnten zeigen, dass es anders geht.

Infrastruktur ist keine Ware. Sie ist eine Bedingung. Man kann sie nicht auf Kante nähen, ohne das Ganze zu gefährden. Man kann sie nicht nach Rendite organisieren, ohne sie auszuhöhlen. Und man kann sie nicht immer wieder schwächen, ohne irgendwann festzustellen, dass sie nicht mehr trägt.

Der Mythos der Effizienz ist deshalb genau das: ein Mythos. Ein politisches Narrativ, das Verantwortung verschleiert, Abbau legitimiert und Systemversagen als Naturereignis verkauft.