Der neue Jahresbericht von World Weather Attribution zeigt unmissverständlich, dass der Klimawandel keine Zukunftsfrage mehr ist. Extremwetter ist zur brutalen Realität geworden. Messbar, zurechenbar und tödlich. Wer jetzt noch von Abwarten spricht, entscheidet sich aktiv gegen Schutz und Verantwortung.

Die Klimakrise ist keine Prognose mehr

Der neue Jahresbericht der Initiative World Weather Attribution macht etwas klar, das politisch immer noch gern verdrängt wird: Die Klimakrise ist keine Warnung mehr. Sie ist Gegenwart.

Der vollständige Bericht ist öffentlich zugänglich unter https://www.worldweatherattribution.org/2025/

Extremwetterereignisse, die früher als Ausnahme galten, sind heute systematisch. Hitzewellen, Überschwemmungen, Stürme, Brände und Dürren treten nicht nur häufiger auf, sie fallen auch deutlich intensiver aus. Und vor allem lassen sie sich heute wissenschaftlich eindeutig dem menschengemachten Klimawandel zuordnen. Attribution ist keine Meinung, sondern überprüfbare Methode. Die Zeit der Ausreden ist vorbei.

Allein im Jahr 2025 identifizierten die Forschenden weltweit 157 Extremwetterereignisse, die klar definierte Schwellen überschritten. Nicht gefühlt. Nicht medial aufgeblasen. Sondern nach messbaren Kriterien. Mehr als hundert Todesopfer, über eine Million betroffene Menschen oder die Ausrufung des nationalen oder regionalen Katastrophenfalls.

Von diesen 157 Ereignissen wurden 22 im Detail analysiert. 17 davon wären ohne den menschengemachten Klimawandel entweder deutlich unwahrscheinlicher oder spürbar weniger zerstörerisch gewesen. Das ist kein Interpretationsspielraum. Das ist Statistik, Modellierung und Vergleich mit einer Welt, die es so nicht mehr gibt.

Und diese Welt existiert nicht mehr.

Was heute als Naturkatastrophe etikettiert wird, ist in Wirklichkeit häufig das direkte Ergebnis politischer Untätigkeit. Die siebentägige Hitzewelle im Südsudan mit Temperaturen bis zu 40 Grad hätte ohne Klimawandel laut Analyse maximal 36 Grad erreicht. Vier Grad mögen abstrakt klingen. In der Realität entscheiden sie darüber, ob Menschen arbeiten können, ob Wasser verfügbar bleibt, ob Kinder überleben.

Die Flächenbrände auf der Iberischen Halbinsel im August waren durch die Erderwärmung rund vierzigmal wahrscheinlicher. Vierzigmal. Das ist kein Randfaktor, das ist ein gekipptes System. Die Waldbrände in Kalifornien forderten hunderte Todesopfer und verursachten versicherte Schäden von rund 30 Milliarden US Dollar, die höchsten jemals bei Waldbränden registrierten. Auch hier erhöhte der Klimawandel die Wahrscheinlichkeit deutlich.

Tropische Wirbelstürme waren nicht nur häufiger, sondern stärker. Der Hurrikan Melissa erreichte Windgeschwindigkeiten von bis zu 288 Kilometern pro Stunde. Ohne Klimawandel wären es rund 270 gewesen. Diese Differenz entscheidet über eingestürzte Häuser, über Stromausfälle, über Tote. Mit jedem weiteren Zehntelgrad Erwärmung verschiebt sich diese Grenze weiter.

Das Entscheidende ist: Diese Ereignisse sind kein Vorgeschmack. Sie sind bereits das Ergebnis von rund 1,3 Grad globaler Erwärmung. Wir sprechen noch nicht über Worst Case Szenarien. Wir sprechen über den Status quo. Und selbst jetzt stoßen Millionen Menschen an die Grenzen ihrer Anpassungsfähigkeit.

Besonders entlarvend ist, wie abstrakt politische Grenzwerte weiterhin behandelt werden. Ob 1,5 oder 2 Grad Erwärmung klingt in Debatten nach akademischer Feinjustierung. In der Realität bedeutet jedes zusätzliche Zehntelgrad mehr Tote, mehr zerstörte Infrastruktur, mehr Menschen am Rand ihrer Belastbarkeit. Klimapolitik ist keine Symbolpolitik. Sie ist Schadensbegrenzung.

Der Bericht zeigt auch, wie trügerisch das Vertrauen auf bestehende Zusagen ist. Das Ziel des Pariser Abkommens gilt inzwischen selbst unter Wissenschaftlern als unrealistisch. Selbst wenn alle versprochenen Maßnahmen vollständig umgesetzt würden, steuert die Welt auf etwa 2,6 Grad Erwärmung zu. Das ist kein Versagen der Wissenschaft. Das ist politisches Versagen.

Besonders brutal ist die Verteilung der Schäden. Die schlimmsten Folgen treffen jene Regionen, die am wenigsten zur Erderwärmung beigetragen haben und über die geringsten Mittel zur Anpassung verfügen. Der Globale Süden zahlt den Preis für einen fossilen Lebensstil, der anderswo weiterhin als Normalität verteidigt wird. Frauen, Kinder und marginalisierte Gruppen tragen dabei ein überproportionales Risiko.

Was diesen Bericht so unbequem macht, ist seine Klarheit. Er lässt keinen Raum mehr für das Narrativ des Abwartens, Diskutierens oder Optimierens. Die Schäden sind real. Sie kosten Menschenleben. Sie verursachen wirtschaftliche Verluste in Milliardenhöhe. Und sie waren vermeidbar.

Der Satz jede Zehntelgraderwärmung zählt ist keine rhetorische Zuspitzung. Er ist eine nüchterne Beschreibung der Lage. Wer ihn ignoriert, trifft keine neutrale Entscheidung, sondern nimmt bewusst weitere Schäden in Kauf.

Die Klimakrise kommt nicht. Sie ist da.

Die Wissenschaft warnt nicht mehr. Warnen bedeutet, dass noch Zeit bleibt, um etwas zu verhindern. Diese Phase liegt hinter uns. Was heute veröffentlicht wird, sind Bilanzen. Schadensberichte. Protokolle einer Welt, die politisch wissentlich überlastet wurde.

Wir diskutieren weiterhin über Zumutbarkeit, Übergangsfristen und Wettbewerbsfähigkeit, während Menschen bereits sterben, fliehen und alles verlieren. Wir reden über Zielpfade, während der Planet längst Rechnungen präsentiert. Mit Zinsen.

Die Frage ist nicht mehr, ob wir uns Klimaschutz leisten können. Die Frage ist, wie viele Tote, wie viele zerstörte Regionen und wie viele Milliarden wir noch akzeptieren, bevor wir aufhören, das Offensichtliche zu relativieren.

Alles andere ist politische Kosmetik. Und sie kostet Menschenleben.