Steigende Arbeitslosigkeit in der IT bei gleichzeitigem Fachkräftemangel ist kein Widerspruch, sondern ein Filter. Gefragt sind nicht mehr austauschbare Routinetätigkeiten, sondern Menschen, die Systeme verstehen, Verantwortung übernehmen und Technik in Kontext setzen können. In einer Phase von Rezession, Globalisierung und Automatisierung entscheidet nicht das Tool, sondern der Überblick.

Generalisten sind die Zukunft, alle anderen sind bald arbeitslos

Wenn man die aktuellen Zahlen und die Stimmung in der Branche zusammennimmt, entsteht ein Bild, das viele verunsichert. Die Arbeitslosigkeit unter IT-Fachkräften steigt, gleichzeitig sinkt die Zahl offener Stellen, und dennoch wird weiterhin von Fachkräftemangel gesprochen. Viele empfinden das als widersprüchlich oder chaotisch. In Wirklichkeit ist es weder das eine noch das andere. Es ist eine Bereinigung.

Diese scheinbare Paradoxie ergibt sofort Sinn, wenn man akzeptiert, dass der Markt gerade nicht pauschal nach „IT-Leuten“ sucht, sondern sehr gezielt nach bestimmten Profilen, während andere an Wert verlieren. Die Bundesagentur für Arbeit spricht von einem Qualifikations-Mismatch, Fähigkeiten und Anforderungen passen nicht mehr zusammen. Das Problem ist nicht, dass es zu wenige Menschen gibt, sondern dass es zu viele mit Schwerpunkten gibt, die in dieser Phase nicht mehr gefragt sind.

Und genau hier liegt die unbequeme These, die man nicht weichzeichnen sollte. Generalisten sind die Zukunft, alle anderen sind bald arbeitslos.

Damit sind nicht Menschen mit echtem Spezialwissen gemeint. Hochqualifizierte Spezialisten wird es immer brauchen. Gemeint sind jene Profile, die sich wie Experten anfühlen, in der Praxis aber vor allem austauschbare Routine liefern. Arbeit, die reproduzierbar ist, klar beschreibbar, unabhängig vom größeren Kontext und ohne echte Verantwortung für das Gesamtsystem. Genau dieser Bereich wird derzeit gleichzeitig von mehreren Seiten unter Druck gesetzt.

Zum einen wirkt die Konjunktur. Wenn Budgets schrumpfen, werden Projekte verschoben und Leistungen reduziert, die nicht unmittelbar kritisch sind. Zum anderen wirkt die Globalisierung. Alles, was standardisierbar und vergleichbar ist, lässt sich international einkaufen, oft günstiger, oft ohne Rücksicht auf lokale Erfahrung oder langfristige Folgen. Und schließlich wirkt die Automatisierung durch KI, nicht als magischer Ersatz für Entwickler oder Administratoren, sondern als massiver Produktivitätshebel für alles, was vorher kognitive Fleißarbeit war. Was sich in klaren Schritten formulieren lässt, wird billiger, und was billiger wird, wird pro Kopf seltener eingekauft.

In dieser Lage setzt sich nicht derjenige durch, der ein einzelnes Tool oder Framework perfekt beherrscht. Wertvoll wird, wer das Gesamtsystem versteht und zusammenhalten kann, technisch, organisatorisch und menschlich. Menschen, die zwischen Fachbereichen, Daten, Security, Betrieb und Entwicklung vermitteln können. Menschen, die einschätzen können, warum eine Änderung riskant ist, wie man sie absichert, wie man sie beobachtet und wie man sie zurücknimmt, wenn etwas schiefgeht. Menschen, die wissen, was nachts passiert, wenn Systeme ausfallen, und warum genau sie dann angerufen werden.

Das ist der Generalist.

Ein Generalist ist nicht jemand, der alles ein bisschen kann. Ein Generalist kann genug von allem, um fundierte Entscheidungen zu treffen, und weiß gleichzeitig sehr genau, wann ein echter Spezialist gebraucht wird. Generalisten reduzieren Komplexität, ohne die Realität zu verzerren. Sie bauen keine Architekturen aus Buzzwords, sondern Systeme, die auch dann noch funktionieren, wenn etwas schiefgeht.

Deshalb passen auch die widersprüchlich wirkenden Arbeitsmarktzahlen zusammen. Unternehmen suchen weiterhin dringend Menschen mit breiter Systemkompetenz, etwa in Security, Betrieb, Architektur, Integration oder datengetriebenen Systemen. Gleichzeitig sinkt die Nachfrage nach Arbeit, die sich leicht ersetzen, auslagern oder automatisieren lässt. Das ist kein Widerspruch, das ist ein Filter.

Ganz praktisch bedeutet das für jeden, der heute in der IT arbeitet, dass sich der eigene Wert weniger über Tools definiert als über Verständnis. Wer nur über Technologien spricht, wird austauschbar. Wer über Zusammenhänge, Risiken, Datenflüsse, Kosten und Betrieb sprechen kann, wird relevant. Wer KI als Abkürzung benutzt, um schneller Output zu erzeugen, macht sich ersetzbar. Wer KI kontrolliert, prüft, einordnet und für das Ergebnis Verantwortung übernimmt, wird wertvoller.

Wer nur produziert, ist eine Kostenstelle. Wer Probleme löst, ist Infrastruktur.

Diese Phase wird die IT nicht abschaffen. Sie beendet lediglich eine bequeme Erzählung der letzten Jahre. „Lern programmieren und alles wird gut“ war Marketing, kein Berufsbild. Das neue Berufsbild ist unbequemer, aber ehrlicher. Verstehen statt nachplappern, Verantwortung statt bloßem Output, Kontext statt Tool-Fetisch.

Und genau deshalb bleibt die zugespitzte Aussage richtig. Generalisten sind die Zukunft. Wer sich auf Routine spezialisiert hat, wird aussortiert.