Der öffentliche Raum wird leiser. Nicht weil es nichts mehr zu sagen gäbe, sondern weil Sichtbarkeit zunehmend als Risiko empfunden wird. Der Rückzug aus der digitalen Öffentlichkeit ist kein Zufall, sondern eine rationale Anpassung an politische und technologische Rahmenbedingungen.

Der stille Rückzug aus der Öffentlichkeit, warum immer mehr Menschen aufhören, sich online zu äußern

Es fällt zuerst kaum auf. Auf Facebook tauchen ein paar vertraute Namen nicht mehr auf. Menschen, die früher zuverlässig kommentiert, widersprochen, eingeordnet haben, bleiben plötzlich stumm. Beiträge von mir, bei denen ich früher mit Reaktionen gerechnet hätte, laufen ins Leere. Threads versanden, als hätte jemand die Luft herausgelassen.

Früher war das anders. Wenn ich Trump-Memes gepostet habe, wurde gelacht, kommentiert, eingeordnet, widersprochen, manchmal auch gestritten. Es war nicht immer einig, aber es war lebendig. Heute bleibt es still. Keine Empörung, kein Lachen, kein Widerspruch. Niemand verkündet seinen Rückzug. Niemand erklärt öffentlich, dass er oder sie jetzt schweigt. Das Schweigen passiert einfach, beiläufig, fast höflich.

Viele sind noch da. Ich sehe sie. Sie lesen, beobachten, liken vielleicht noch vorsichtig. Aber sie schreiben nicht mehr. Und das ist kein Zeichen von Müdigkeit oder politischem Desinteresse. Es ist eine Form der Anpassung an ein Umfeld, in dem jedes Wort potenziell gegen einen verwendet werden kann.

Besonders deutlich sehe ich das in meinem eigenen Umfeld. Menschen mit klarer politischer Haltung, oft eher links, früher präsent, argumentativ, engagiert. Heute posten sie Urlaubsbilder, Katzen, Rezepte oder gar nichts mehr. Die Timeline wirkt harmloser, aber auch leerer. Bei amerikanischen Kontakten ist die Stille noch auffälliger. Dort hat sich eine Haltung etabliert, die nichts Leichtes mehr hat, keine Ironie, keine Distanz, sondern eine stille, disziplinierte Zurückhaltung.

Spricht man diese Menschen darauf an, bekommt man keine langen Erklärungen. Meist nur einen kurzen Satz. Man wolle keinen Ärger. Man wisse nie, wer mitliest. Man habe Familie, einen Arbeitsplatz, Pläne. Und plötzlich wirkt politische Meinungsäußerung nicht mehr wie ein selbstverständliches Recht, sondern wie ein unnötiges Risiko, das man besser vermeidet.

Diese Vorsicht fällt nicht vom Himmel. Sie wird genährt. Und sie wird politisch verwertbar gemacht.

Seit Dezember 2025 liegt in den USA ein Regulierungsvorschlag auf dem Tisch, der diese Entwicklung greifbar macht. Touristen sollen bei der visumsfreien Einreise künftig verpflichtet werden, ihre Social Media Aktivitäten der vergangenen fünf Jahre offenzulegen. Nicht optional, sondern zwingend. Ohne diese Angaben kein ESTA, ohne ESTA keine Einreise. Was bislang nur für bestimmte Visa galt, soll zum Normalfall werden.

Fünf Jahre digitaler Vergangenheit, kondensiert auf ein Formular. Likes, geteilte Artikel, Kommentare, vielleicht ironisch gemeint, vielleicht emotional, vielleicht im falschen Moment gepostet. Alles wird potenziell relevant, ohne dass klar wäre, wie bewertet wird, von wem, nach welchen Kriterien. Transparenz gibt es nicht. Widerspruchsmöglichkeiten auch nicht. Es reicht, dass etwas als „auffällig“ gilt.

Datenschützer schlagen Alarm, Bürgerrechtsorganisationen warnen vor massiven Eingriffen in die Privatsphäre. Die Behörden argumentieren mit Sicherheit. Terrorismus. Spionage. Gefahrenabwehr. Es sind die immer gleichen Begründungen, wenn Datensammlungen ausgeweitet werden sollen. Entscheidend ist weniger, ob diese Regelung tatsächlich in Kraft tritt. Entscheidend ist, dass sie plausibel wirkt. Dass sie vorstellbar ist. Dass Menschen sie ernst nehmen.

Und genau das verändert Verhalten, lange bevor ein Grenzbeamter tatsächlich ein Facebook Profil liest.

In einer Welt, in der alles gespeichert wird, wird jede Äußerung zu einer Spur. Plattformen vergessen nicht. Suchmaschinen erinnern sich besser als ihre Nutzer. Algorithmen kennen keinen Kontext, aber sehr lange Zeiträume. Was einmal öffentlich war, bleibt es, auch wenn sich die politische Lage ändert, auch wenn sich Machtverhältnisse verschieben, auch wenn Ironie plötzlich wörtlich gelesen wird.

Sichtbarkeit wird damit zu etwas Gefährlichem. Nicht akut, nicht spektakulär, sondern latent. Wie eine leise Drohung im Hintergrund. Niemand sagt offen, dass man besser schweigt. Es ist einfach naheliegend.

Demokratische Öffentlichkeit lebt davon, dass Menschen sprechen, widersprechen, Position beziehen. Sie lebt von Reibung, von Unschärfe, von offenen Konflikten. Doch genau diese Offenheit wird zunehmend sanktioniert. Nicht durch Gesetze, sondern durch Unsicherheit. Durch die Möglichkeit, dass das Gesagte irgendwann gegen einen verwendet werden könnte.

Das Ergebnis ist paradox. Diejenigen, die reflektiert abwägen, ziehen sich zurück. Diejenigen, die wenig zu verlieren haben oder den Konflikt suchen, bleiben sichtbar. Extreme Positionen dominieren nicht, weil sie mehrheitsfähig wären, sondern weil sie risikobereiter sind. Die Mitte verschwindet nicht, sie wird unsichtbar.

So entsteht der Eindruck einer radikalisierten Gesellschaft, obwohl in Wahrheit nur der öffentliche Raum verzerrt ist. Eine Bühne, auf der immer weniger Akteure auftreten, während das Publikum schweigend zusieht.

Das Schweigen ist dabei keine Kapitulation. Es ist Selbstschutz. Wer nichts sagt, kann nicht missverstanden werden. Wer nichts postet, kann nicht aus dem Kontext gerissen werden. Wer unsichtbar bleibt, hinterlässt keine Spuren, die Jahre später plötzlich problematisch werden könnten.

Doch dieser Selbstschutz hat einen Preis. Eine Demokratie, in der die Vernünftigsten schweigen, verliert ihre Korrektive. Sie wird lauter, nicht weil mehr geschrien wird, sondern weil weniger widersprochen wird. Sie verarmt, ohne dass es sofort auffällt.

Wir haben uns an Plattformen gewöhnt, die alles speichern und nichts vergessen. Wir haben akzeptiert, dass Öffentlichkeit zentralisiert, ausgewertet und monetarisiert wird. Der Preis dafür ist nicht nur Werbung. Er ist die schleichende Verhaltensänderung einer ganzen Gesellschaft.

Der stille Rückzug aus der Öffentlichkeit ist kein individuelles Problem. Er ist ein strukturelles Symptom. Ein Warnsignal. Eine Gesellschaft, die lernt, dass Schweigen sicherer ist als Sprechen, hat das gefährlichste Stadium der Zensur bereits erreicht, ganz ohne Verbot, ganz ohne Schlagzeile.


PS: Und ja, ich selbst poste mittlerweile auch weniger auf meinem Facebook-Profil. Zum Teil aus ganz banalen Gründen. Mein Profil ist verriegelt, nur meine Kontakte können meine Beiträge lesen, während mein Blog und meine Seite offen sind und von jedem erreicht werden können. Dazu kommt ein sehr praktischer Punkt: Ich habe weder Zeit noch Lust, dieselben Gedanken parallel über mehrere Kanäle zu verteilen.

Facebook ist längst kein öffentlicher Platz mehr, sondern ein algorithmisch kuratierter Raum. Beiträge werden nicht mehr einfach veröffentlicht, sondern verteilt, gefiltert und in vielen Fällen nach außen unsichtbar gemacht. Gerade politische Inhalte, insbesondere solche links der Mitte, verschwinden auffällig schnell aus den Timelines, ohne dass man genau sagen könnte, warum.

Mein Blog dagegen ist offen. Niemand wird dort daran gehindert, meine Texte zu lesen. Es gibt keine algorithmische Schranke, keinen unsichtbaren Dämpfer, keine Entscheidung darüber, wem ein Beitrag zugemutet wird und wem nicht. Dass selbst Menschen wie ich beginnen, ihre politische Sichtbarkeit von Plattformen weg und hin zu eigenen, offenen Räumen zu verlagern, ist kein Zufall, sondern Teil genau jener stillen Verschiebung, über die dieser Text spricht.